Michael hatte recht – „wir“ wussten das schon längst. Es ging nicht darum, meine Beziehung mit meinem Mann verbessern und vertiefen zu wollen. Ich wollte mein Leben verändern – wollte die Trennung. Als ich Michaels Schlussfrage las, war mir klar: Ich wollte auch keinen Kompromiss.

 

Mir diese Wahrheit einzugestehen und ernsthaft die daraus entstehenden Konsequenzen zu bedenken, machte mir größte Angst. Natürlich und vorrangig waren es materielle Existenzsorgen, aber bei weitem nicht nur.  Ich kannte es nicht, allein zu leben und hatte das Gefühl, es nicht zu können. Doch was hieß das konkret? Was genau meinte ich „nicht zu können“? Diese Fragen berührten lang in mir steckende Ängste und waren nicht leicht zu beantworten. 

Michaels Rat, nun nicht in meinen Existenzängsten herumzuwühlen, war gut. Sehr gerne und voller Erleichterung nahm ich ihn an und ließ die Fragen vorerst ruhen. Ich spürte, dass mich die konkrete Beschäftigung damit momentan emotional überfordern würde. Zudem war es einfach nicht dran. Noch nicht.

Lieber Michael,

 

heute war ich lange draußen unterwegs. Dabei konnte ich mich an allem um mich herum erfreuen, konnte die Sonne genießen und fühlte mich gut. Es ist erstaunlich wie frei und unbeschwert ich mich inzwischen öfters fühle, wenn ich allein in die Natur gehe. Frei fühle ich mich auch, wenn ich zutiefst spüre, dass es wirklich möglich sein könnte mein Leben zu verändern; dann, wenn ich es für möglich halte, dass ich Träume und Wünsche verwirklichen und leben kann - real.

Allerdings – wenn ich mir konkret vorstellen will, was da alles auf mich zukommen wird, flammt die Angst heiß nach oben.

 

An der Gestaltung meines Lebens habe ich mich lange nicht aktiv beteiligt. Für meine Kinder setzte ich mich natürlich voll ein, mit allem was mir möglich war. Aber was meine Belange und vor allem auch Bedürfnisse anbelangt, da habe ich mich an die Welt meines Mannes angepasst. Seine Bekannten und Freunde waren es, die in unserem Leben eine Rolle spielten. Eigenes, wirklich Eigenes hatte ich nicht.

 

Anstatt aber nun alles, was ich nicht will, jetzt sofort aus meinem Leben zu werfen, frage ich mich lieber erst einmal, was ich denn an dessen Stelle setzen möchte. Sonst ist da nichts - wenn ich alles rausgeworfen habe.
Also frag ich mich: Was will ich eigentlich, in welche "Richtung" will ich gehen? Inzwischen weiß ich das schon eher. Deutlich wird das, wenn ich an meinem Foto-Projekt arbeite. Nicht nur beim Fotografieren, auch das Texten dazu ist etwas, das ich gerne mache.

 

Intuition und Kreativität zu spüren und zu leben erfüllt mich. Allerdings fehlt mir das Vertrauen darauf, dass es mir möglich ist, solche Dinge "aus mir heraus" hinzubekommen. Bisher bist Du es, der mir Ideen und Impulse hierfür schenkt. Aber vielleicht ist es wirklich so: Wenn man seinen Teil dazu beiträgt, sich damit intensiv beschäftigt und dafür öffnet, zeigen sich auch Wege und Möglichkeiten. Das wünsche ich mir sehr. 


Also weiß ich nun zumindest mal grob was ich gerne mag. Und ich weiß, was zu tun ist, um mich zu einem selbstständigen, eigenverantwortlichen Menschen zu entwickeln. Da ist noch viel zu tun. Sobald ich ein solides Fundament geschaffen habe, werde ich ernsthaft darüber nachdenken, wie ich meinen Mann verlassen kann - ohne Trümmer zu hinterlassen.

 

Noch ein anderes Thema möchte ich hier anschneiden. Ich träume zurzeit sehr viel und intensiv. Es ist, als führte ich ein Doppelleben smile.  
Beinahe jede Nacht ist ein Traum dabei, der mir äußerst stark im Gedächtnis bleibt. 

Z.B. heute Nacht; mitten hinein, in einen recht belanglosen Traum, schob sich eine Szenerie. Es standen einige Menschen um mich herum und eine Frau sagte zu mir: „Hier, schau dir das genau an“. Ich schaute und sah vor mir ein kleines Mädchen, das heftig mit dem Fuß aufstampfte, einen Kreidestrich vor sich zog und zu den Menschen ringsherum sagte: „Ich sterbe und verwese meinetwegen - aber genau hier bleib ich stehen; ich gehe keinen Schritt weiter“. Die Leute schienen belustigt; ich jedoch fand das nicht lustig.

Noch immer habe ich dieses Bild deutlich vor Augen. Warum? Warum fühlt sich dieser doch eher belanglose Traum derart gewichtig an?     

 

Wie Du Dein Leben und Deine Persönlichkeit entwickelt hast … das gelang Dir aus Dir heraus und ohne Hilfe. Du schriebst mir mal, Du hättest früher einen Mentor gesucht, aber keinen gefunden. Du hast es allein geschafft, und ich frage mich wie Du das konntest.


Ich finde es unheimlich schön, mit Dir all diese Themen und Dinge bereden zu können, über die sonst doch kaum ein Mensch nachdenkt und spricht. Und bin sehr glücklich darüber, Deine Mentee zu sein. emoticones

 

Ganz viele liebe Grüße an Dich emoticones
Lotte

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