Kapitel 7

Rendezvous mit Lotte

Inzwischen war es Mai geworden. An einem besonders warmen Abend - er duftete wie es nur Frühsommerabende tun - saß ich im Garten mitten in der Wiese, den Teich zu meinen Füßen und spürte das abendfeuchte Gras unter mir. Still richtete ich meine Aufmerksamkeit nach innen und ließ alles in mir aufsteigen: Gefühle, Gedanken, die Erlebnisse der letzten Monate, die Gespräche mit Michael, meine Träume. Lange spürte ich all dem nach und sagte schließlich in die Stille des Abends hinein: 

 

„Ab sofort werde ich nie, niemals wieder in mir etwas wegsperren. Ich verspreche mir von nun an offen zu sein für alles, was in mir ist. Ich will all meine Wünsche, Bedürfnisse und Gefühle wahrnehmen, ich will sie achten und ernst nehmen! Ich will mich spüren, ehrlich meine Ecken ausleuchten, alle inneren Türen öffnen und zu mir stehen!“

Es war ein heiliges Versprechen. Nie wieder wollte ich es vergessen.

 

Wenn ich nicht gerade mit Michael schrieb, dachte ich über unsere Gespräche nach. Der letzte Traum hatte mir unmissverständlich gezeigt, wie unglücklich und verletzt ich war. Was jetzt so offen vor mir lag, hätte mir schon längst klar sein müssen. Schon ein knappes Jahr bevor ich Michael kennen lernte, schliefen mein Mann und ich schon in getrennten Räumen. Die Gründe, die sowohl ich als auch er damals dafür fanden, waren rational, verständlich und klangen mehr als legitim. Er brauchte und wollte Dunkelheit beim Schlafen – ich dagegen liebte es, wenn der Mond das Zimmer erhellte und auf mein Kopfkissen strahlte. Ebenso liebte ich das Schlafen bei weit geöffnetem Fenster und genoss am frühen Morgen mit noch geschlossenen Augen das muntere Vogelgezwitscher. Aber nur zu gut verstand ich meinen Mann, der durch seine Schichtarbeit einen anderen Schlaf-Rhythmus hatte und das morgendliche Singen als störend empfand. Selbstverständlich richtete ich mich nach ihm, bis ich meinen eigenen Schlafraum hatte.

Waren das denn nicht Gründe genug und hatten wir nicht irgendwo davon gelesen, dass guter Schlaf viel eher gewährleistet sei, wenn man allein schlief? Keine Frage, darin steckte durchaus auch Wahres. Den wichtigsten und tiefsten Grund für die getrennten Schlafzimmer hatte ich mir allerdings unterschlagen. Jetzt sah ich klarer. Was aber sollte ich tun?

 

Vielleicht könnte es gelingen, die Beziehung mit meinem Mann zu verbessern?

Michael bestärkte mich darin, genau das zu versuchen.

 

Also suchte ich langsam und vorsichtig auch körperliche Nähe zu meinem Mann. In alltäglichen Situationen berührte ich wie absichtslos seinen Arm oder lehnte mich beim gemeinsamen TV-Schauen an ihn.

Neben echten Gesprächen vermisste ich ja auch die kleinen, behutsamen Zärtlichkeiten. Ich hoffte auf diese Weise auch mehr Raum für offene Gespräche zu schaffen, die nicht anklagend waren, sondern aus einer gefühlten Nähe heraus entstanden. Mein Mann war – nicht zuletzt wohl durch unser Gespräch und meine „Wunsch-Liste“, die ich ihm vorgelegt hatte - hellhörig geworden. Bevor er zur Arbeit ging umarmte er mich und ließ auch meine winzig-kleinen Annäherungen zu.

 

„Wie es wohl gerade in ihm aussieht, was denkt und fühlt er?“ Anstatt sie mir zu stellen, hätte ich diese Fragen gerne an ihn direkt gerichtet. Aber da war eine unsichtbare Grenze zwischen uns, die eine solche Offenheit und Nähe einfach nicht zuzulassen schien. Ich spürte wie mein Mann jedem weiteren Gespräch auswich und selbst hatte ich nicht den Mut, ein Weiteres einzufordern.

So tasteten wir uns schweigend durch die Tage.

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