Liebe Lotte,

 

eine Abtreibung vergisst frau nicht einfach. Da muss frau schon allerhand Energie aufgewandt haben, um große Teile aus dem Gedächtnis zu löschen. Ich vermute, Du wolltest es einfach nicht WAHR HABEN.

Wenn Du aber ganz und gar "Ungelöstes" in Persönlichkeitsschichten abdrängst, die Dir nicht mehr willkürlich zugänglich sind, musst Du mit "Angriffen" aus diesen Zonen rechnen (wie Du sie hinlänglich erfahren hast).

Heute kannst Du die Abtreibung objektiv betrachten, damals hättest Du Dich danach noch lange damit auseinandersetzen müssen. So lange, bis sich ein Gefühl einstellt, dass Du nun damit leben kannst.

 

Ich habe „seinerzeit“ als Mann den Umgang mit meiner Anima lernen müssen. Ich wollte einfach mehr über dieses zauberhafte smile Geschlecht wissen. Du musst Deinen Animus zum Leben erwecken. Nehmen wir das jüngste Beispiel, damit wir nicht zu sehr ins Abstrakte abgleiten.
Die Sache mit der Abtreibung hat Dich noch fast 30 Jahre danach emotional gebeutelt. Obwohl Du den Sachverhalt ja kanntest. Eine reine Anima-Reaktion. Ich versuchte behutsam mit der Animus-Reaktion gegenzusteuern, dass Du ein armes 18-jähriges Mädchen warst. Also objektive Sachverhalte den subjektiv-emotionalen gegenüberzustellen. Da wird nichts weggesperrt, sondern es werden beide Seiten gesehen und keiner wird die totale Oberhand gelassen.

Es war Dir danach durchaus möglich auch objektiv zu reagieren und das damalige Mädchen eher trösten zu wollen, als Dich heute noch mit Hasstiraden zu quälen.
So könntest Du nach und nach lernen, die zwei Seiten zu sehen.
Zuerst wird es bei Dir als Frau immer die Anima-Seite sein. Dann aber solltest Du eine gewisse Distanz einnehmen und von der objektiveren Animus-Seite die Sachlage betrachten.

 

Liebe Grüße, Michael emoticones

Aber wie erinnert man sich an etwas, an das man sich nicht erinnern kann, lieber Michael?

Was wir jetzt gefunden haben und dass wir es fanden, lag doch nur daran, dass unsere Gespräche und Deine Hilfestellungen den Weg dafür geebnet haben.
Ich hatte doch auch früher schon an diese Abtreibung gedacht, mit anderen darüber geredet. Warum ist mir dabei nichts bewusst geworden?

Bisher wusste ich kaum etwas über Anima und Animus. Aber Deine Erklärungen dazu finde ich logisch und ich kann sie gut nachvollziehen. Vergleiche ich meine und Deine Gedanken, Ansichten und Reaktionen, kann ich ein wenig sehen, was Du meinst.
Durch Deine Hilfestellung, weil Du mir dieses "arme Mädchen" erst gezeigt hast, konnte ich diese Sichtweise erst nachvollziehen. Aber ich muss das alleine finden können, in mir. Sonst brauche ich doch immer jemanden der mich mit der Nase draufstößt.

Mir ist das jetzt schon öfters aufgefallen, seit wir schreiben: Wenn ich mich bei einem Thema in mir irgendwie verrannt und verhakt hatte, und ich las Deine Gedanken dazu, konnte ich manches wieder zurechtrücken und auf den richtigen Platz stellen.


Ich habe ja auch früher schon ab und an mal nachgedacht biggrin, doch kam ich da immer wieder an diese Punkte, wo ich mich verrannt habe – und da ging es nicht weiter; ich fand keine Sicht wie die Deine. Dann hab ich es wieder zur Seite gelegt – ich kam ja nicht weiter. Meine Animus-Seite ist entweder nicht vorhanden oder sehr kümmerlich ausgefallen.


Wie lerne ich sie zu finden und zu stärken? Ich kann doch nicht immer auf Hinweise und Tipps von Dir warten?

Einen lieben Gruß,  smile  emoticones  

Lotte

Liebe Lotte,

ich weiß natürlich nicht, ob die Sache mit der Abtreibung der ganze "Brocken" war. Die Suche ist kein Selbstzweck, sie bezieht sich nur darauf, ob Du noch Weiteres verdrängt haben könntest, das Dir heute noch unterschwellig Probleme bereitet.
Meine Hilfestellung ist in etwa das, was ein guter Psychiater machen würde - er versucht (natürlich zusammen mit Dir) die sprichwörtlichen "Leichen" aus dem Keller zu holen. Er allein kann sie nämlich auch nicht finden.


Wenn Du damit vertraut geworden bist, kannst Du Dir in Zukunft durch ehrlichen und wenigstens teilweise objektiven Umgang mit Dir selbst, selber helfen.

 

Meine Einschätzung war (und ist): Jetzt noch nicht. Es gibt auch keine Eile dazu. Lass uns einfach weiter schreiben - ein bisschen das Leben umkrempeln ist es nämlich schon.
 
Liebe Grüße, Michael, emoticones

 

Wie sehr war ich froh über Michaels Worte. Meinen letzten Satz hatte ich durchaus ernst gemeint, denn mir war klar, dass ich irgendwann alleine würde „weitergehen“ müssen. Ebenso klar war, dass ich es (noch lange) nicht wollte. Was dagegen „ein bisschen das Leben umkrempeln“ letztendlich konkret bedeuten würde, wussten zu diesem Zeitpunkt weder Michael noch ich. 

 

Langsam fanden wir wieder in andere Themen hinein. Michael äußerte die Vermutung, ich sei „hochsensibel“ und schickte mir Informationsmaterial dazu. Mir half das sehr, mich mit meinen Gefühlen, Wahrnehmungen, Ängsten und Überforderungen auch in alltäglichen Situationen auseinanderzusetzen. Dabei ging es zu keinem Zeitpunkt darum, für mich einen „Besonderheits-Status“ zu schaffen. Mir erklärten sich hier schlicht etliche meiner „Empfindlichkeiten“, die ich so nun auch leichter akzeptieren konnte, anstatt mich selbst als “irgendwie nicht normal”, “komisch“ oder gar „falsch“ zu etikettieren. Da ich dazu neigte, mich selbst anzuklagen, war es sowohl heilsam als auch wichtig für mich, mich mit dem Thema Hochsensibilität auseinander zu setzen.  

 

Nachdem nun Schmerzen und Schuldgefühle wegen der Abtreibung weitestgehend abgeflossen waren, konnte ich auch Anderes genauer unter die Lupe nehmen - ruhiger, mit etwas mehr Bedacht und ohne große Gefühlsüberflutungen tiefer schauen. Unter anderem war das Thema „Ziele“ für mich noch nicht abschließend geklärt.

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