Lieber Michael,

 

ich versuche mal, meine Gedanken in eine verständliche Form zu bringen. Bisher habe ich über solche Dinge nur alleine nachgedacht und finde es schwierig, die richtigen Worte zu finden. 

Ich betrachte es nicht als Verstellen. Ich möchte niemandem etwas vorspielen, aber ich will nicht unfreundlich, unausgeglichen und sauer reagieren. Das ist ein großer Unterschied für mich. Natürlich tue ich es trotzdem immer wieder, je schlechter ich mich fühle, desto mehr.


Ich möchte nicht, wenn mich etwas ärgert oder jemand mich nervt, nur reagieren. Wenn ich mich darüber ärgere, dann ist das so. Aber diesem Gefühl dann einfach nachzugeben,- das will ich nicht. Dabei entstehen natürlich Spannungen, zwischen dem aktuellen Gefühl und dem bewussten "Gegendenken".


Was würde es mir nützen, würde ich unfreundlich und launisch reagieren? Es ändert sich nichts an dem, was mich ärgert, und die Situation wird ebenfalls nicht verbessert.

Dann ist es auch so, dass ich den anderen sehr gut verstehen und seine Situation nachfühlen kann – wie kann ich da sauer sein. 
Klingt das für Dich ein klein wenig verständlich? augenroll

Nun zur Lust/Unlust. Frage ich mich worauf ich Lust habe … keine Ahnung.
Ich bin wohl kein lustbetonter Mensch. Es gibt natürlich schöne Dinge, die mir gefallen und unschöne, die ich nicht mag. Ich ziehe aber nicht viel Befriedigung aus irgendwelchen Dingen/Erlebnissen. Warum das so ist, das weiß ich nicht.

Übrigens habe ich den Reis von gestern ganz gut vertragen.


Lieben Gruß, Lotte

Liebe Lotte,

 

das ist eine wirklich gute Nachricht, dass es Dir besser geht und Du wenigstens ein wenig Nahrung vertragen hast. Vielleicht kannst Du nun - ganz langsam und behutsam – nach Deinen Erfahrungen mit Lebensmitteln weiter vorgehen und dabei parallel Dein Ernährungstagebuch führen.

Du hast ja schon eine Menge nachgedacht!


Ich könnte Dir ziemlich viel sagen, worauf ich Lust habe und was mich ärgert. Ich kann natürlich auch nicht alles so rauslassen, wie ich will, aber ich habe mir viele Ventile angeschafft (auch Ironie smile).

Es klingt sehr rational und duldsam, was Du dazu sagst.
Ich glaube, dass einige Frauen einfach zu lieb sind. Vielleicht sollten sie öfters mal platzen und etwas herauslassen; privat, bei der Arbeit.
Jeder muss mal etwas „schlucken“; wenn aber alles „drinnen“ bleibt, wird`s irgendwann „unverdaubar“. Überlege mal, ob Du auch dazu gehörst.

Liebe Grüße, Michael emoticones

Lieber Michael, 

 

zuerst mal zum Essen:
Mein Frühstück (Reismehl mit Wasser und Honig smile), zwischendurch etwas Zwieback, um 15.00 Uhr einen kleinen Teller Kartoffeln und Karotte als Suppe. Vor dem Essen jeweils ein Tausenguldenkrauttee.  Die Schmerzen halten sich in Grenzen. smile Ich habe schon das Gefühl, dass es besser wird. Was ich bemerke, ist, dass ich Essen am Abend nicht gut vertrage. Ich glaube, meine besonders kritische Zeit beginnt ab 16 Uhr. 

Heute Nacht habe ich sehr lange über Deine Worte nachgedacht.  

Ich muss keine Bösartigkeiten gegen mich "schlucken" (ich denke, dagegen würde ich mich schon zur Wehr setzen wollen). Was ich zu schlucken habe, sind vielmehr Tatsachen des Lebens. Es gibt doch immer auch Konflikte, in Familien, bei jedem Zusammen-Sein mit Menschen. Aber selbst mit den kleinsten davon kann ich so sehr schlecht umgehen.

 

Ich könnte heulen, wenn ich spüre und bemerke, dass andere traurig sind. Oder wenn ich sehe, wie ein Mensch oder auch ein Tier leidet. Da genügen schon Bilder in Zeitschriften, oder Filme. Oder ich sehe, wie sich ein kleines Kind enttäuscht abwendet, alle Freude auf dem Gesicht verflogen, mit der es zuvor auf den Vater zu lief um ihm etwas zu erzählen oder zu zeigen; weil der Vater es, oft einfach nur aus Unaufmerksamkeit oder weil gerade keine Zeit ist, ignoriert und wegschickt. Solche Dinge tun mir weh, körperlich sogar.

 

Harsche Worte, die gar nicht so gemeint sind und nicht mal mir gelten, treffen mich direkt. Mich trifft es, wenn sich andere streiten - selbst, wenn ich nur Zuhörer bin! Oder wenn ich mit mehreren Menschen zusammen bin – bei Diskussionen, bei Gesprächen, sitze ich da und spüre, sehe, fühle, wenn sich ungute Stimmungen aufbauen; wenn kleine, aber giftige Sticheleien hin- und herfliegen. Dann kann ich mich kaum noch auf die Gespräche konzentrieren. 

 

Das ist doch nicht normal. Und völlig absurd ist es, dass selbst das Nachdenken darüber schmerzhaft ist.

Da ist so vieles, das ich nicht in Worte packen kann, so vieles, das ich kaum ertrage. Manchmal schon habe ich mich gefragt, ob vielleicht bei meiner Geburt vergessen wurde ein Filter einzubauen, der eigentlich zum Menschsein dazu gehört.

 

Liebe Grüße, Lotte

Nach dieser Mail an Michael hatte ich sehr das Gefühl, mich grandios blamiert, zu viel geschrieben und einfach maßlos übertrieben zu haben. Nicht, dass ich etwas geschrieben hätte, das von mir nicht so empfunden wurde. Es stimmte alles. Ich glaubte und befürchtete aber, er könne diesen Eindruck gewinnen. Und ich schämte mich. Ich schämte mich damals oft für meine Gefühle und Empfindungen, die ich darum auch nie jemandem erzählte. So schickte ich nach einer Stunde eine zweite Mail hinterher, um die erste abzuschwächen und zu relativieren. Dies tat ich zu Beginn unseres Austausches öfter, bis ich es irgendwann wirklich sein lassen und zu meinen Gefühls-Mails stehen konnte.

Ich bin’s nochmal …
Es ist nicht so wie es sich liest, bei weitem nicht so dramatisch.
Es ist wohl ein Luxusproblem. Wenn frau keine anderen Sorgen hat, dann macht sie sich welche. smile

Lieber Michael, ich wünsche Dir einen wirklich guten Tag.

Liebe Grüße, Lotte

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